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Der innere Wächter

Posted on 12.07.202612.07.2026 by Maria

Er war müde, einfach müde. Viel zulange schon war er diesen Weg gegangen. Durch Schnee und Regen, durch Wälder die sich schier endlos zogen und durch die sich kein Reisender allen trauen würde. Er aber fürchtete nichts, weil es nichts gab, was ihm noch Angst machen konnte. Denn nichts kam an das heran, was er in seinen vielen Jahren des Dienstes als Wächter erlebt hatte. Er lief wie betäubt, stumm, Schritt für Schritt, die eine Hand am Schwertknauf, die andere hielt den Schild an der linken Seite. Er war seines Dienstes benommen worden. Entlassen in allen Ehren, nichtsdestotrotz entlassen.

Er wurde nicht mehr als Wächter gebraucht da die Gefahr vor der er so lange geschützt hatte, nicht mehr in der Form existierte, dass es eines Schwertes oder Schildes bedurfte.

Er stand in den ersten Tagen nach der förmlichen und zeremoniellen Entlassung aus dem Dienst wie betäubt morgens auf, legte wie jeden Tag seine Rüstung an, nahm sein Schwert und Schild und ging auf seinen Posten wie jeden Morgen die letzten Jahrzehnte. Es stand jetzt ein Stuhl dort mit einem Polster, auch ein Regal stand jetzt dort, wo er sitzen konnte und sein Schwert und Schild und die Rüstung ablegen konnte denn die Tür, die er so viele Jahre bewacht hatte, stand jetzt offen. Gäste gingen ein und aus, sie grüßten ihn erfürchtig und warfen im vorbeigehen einen Blick auf seine Narben.

Die Burg ward belagert für eine lange Zeit, doch er hatte die Tür verteidigt und kein Eindringling war an ihm vorbei bis zur Tür gelangt. Mit der Zeit gelang es ihm, die Endringlinge aus der Burg so weit zu vertreiben dass die Tür kurz geöffnet werden und um Hilfe gerufen werden konnte. Denn das konnte der Wächter nicht. Er durfte die Tür keinen Augenblick aus den Augen lassen denn die Angreifer warteten nur auf ein Zeichen der Schwäche von ihm. Zweimal hatte er sich täuschen lassen von der Ruhe vor der Burg und zweimal wurde die Tür gestürmt und die Bewohnerin bedrängt. Sie hatte ihre eigenen Fähigkeiten Angreifer abzuwehren, aber sie hatte nicht die Ausdauer wie der Wächter, der durch ein langes kämpferisches Leben geschult war. Beide Male wurde die Tür schnell wieder verschlossen und der Wächter stand und verteidigte, aber er spürte die Angriffe auf seine Herrin, als sei er selbst verletzt worden. So kam es dass er, als tatsächlich Hilfe die Burg erreichte, er auch der Hilfe den Zugang verwehrte da er niemandem mehr traute. So musste die Herrin der Burg einen Weg finden, die Tür von innen zu öffnen um ihn zu besänftigen, ihn, der in einem Zustand der vollständigen Alarmhaltung erstarrt war.

Viele Tage sprach sie in der Sprache der Liebe und der Wahrheit zu ihm um ihn zu überzeugen, dass der Kampf vorbei, die Feinde geflohen und Hilfe zur Seite stand. Hilfe, die der Herrin hinter dieser Tür genauso treu ergeben war wie er selbst. Nach und nach erwachte er so aus diesem Zustand der vollständigen Alarmhaltung und begann nicht mehr in jedem Gast einen Feind zu sehen. Aber auch das gelang nur, weil der Vater der Herrin höchstpersönlich dem Wächter das Schwert aus der Hand nahm. Was konnte er dagegen tun. Er musste sich fügen, ungefragt wie ungeschützt er sich fühlte und wie sehr er für seine Herrin fürchtete. Man stellte ihm für diese Zeit zwei weitere Wächter zur Seite um ihn zu überzeugen dass sie wirklich zur Hilfe gekommen waren und seine Herrin nicht schutzlos war. Sie sahen mit großem Respekt zu ihm auf und bemerkten seine große Liebe zu seiner Herrin und auch, wie er sich immer noch Vorwürfe machte, selbst nach all den Jahren noch, dass er sie zweimal der Gefahr ausgesetzt hatte verletzt zu werden und sie jedes Mal tatsächlich auch verletzt wurde.

Und dann kam der Tag an dem die Herrin das erste Mal offiziel aus der Tür trat um die Burg zu verlassen. Ihren treuen Wächter zur Seite, der jetzt nur noch den Schild trug, begann sie, ihre Umgebung zu erkunden. Es gab viel was sie erschreckte, viel was neu für sie war, doch sie fürchtete sich nicht, hatte sie doch den besten Schutz den sie nur haben konnte, zuverlässig an ihrer Seite.

Und so wurden diese Ausflüge jeden Tag etwas länger und etwas mutiger. Sie sprach viel mit ihrem Wächter um mehr über die Angreifer zu erfahren und wie er sie abgewehrt hatte. Sie lernte sich zu schützen indem sie von ihm lernte die Gefahren zu erkennen und ihnen auszuweichen. Sie musste nicht kämpfen und sich nur selten verteidigen, selbst als der Wächter die Burg verlassen hatte, fühlte sie sich sicher genug um nicht mehr immer in ihrem Zimmer im Innersten der Burg zu bleiben. Sie wollte die Welt sehen. Und so zog sie eines Tages wie ihr Wächter los, und in die Welt hinaus. Sie nahm die Ruhe und den Frieden aus ihrer Kammer mit sich wie einen kostbaren Schatz und war so nie wirklich von ihrer Burg getrennt. Denn mit dieser Ruhe und diesem Frieden in ihrem Herzen konnte ihr die Welt nichts anhaben. Mehr und mehr merkte sie, wie sehr sie von dem Ritter gelernt hatte, wie viel Kraft sie von ihm übertragen bekommen hatte dass sie sich vor der Welt, die ihr sonst wie eine schreckliche Plage vorgekommen war, so gar nicht fürchtete. Immer wieder geriet sie natürlich trotzdem in Situationen in denen sie sich früher gefürchtet hätte, wo sie auf die Hilfe ihres Wächters gehofft hätte, aber jetzt dachte sie eher an seine Lektionen und fügte ihre eigene Erfahrung ihrer Erinnerung hinzu. Und so folgte sie dem Wächter, in der Hoffnung ihm vielleicht noch einmal über den Weg zu laufen um ihm für seine treuen Dienste über so viele Jahre zu danken. Doch mit der Zeit verlor sie seinen Weg und fand ihren eigenen. Und sie fand sich damit ab, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Sie dachte daran ob es daran lag, dass sie ihn losgelassen hatte als sie genug Sicherheit spürte um die Tür nicht mehr verschlossen zu halten. Und ob es vielleicht eine Wechselbeziehung war, die sie beide zusammengehalten hatte. Sein Schutz gegen ihre Kraft. Und ihre Liebe als Zeichen, dass sie wieder sicher war. Seine Arbeit war getan. Er durfte seinen Posten verlassen und sie hatte ihm mit all ihrer Liebe dafür gedankt. Und sie war eine Seele und er ein Engel. Und die Burg war der Mensch, der die Seele beherbergte und um den ekämpft wurde und der sich für die Seele entschied ohne überhaupt daran zu denken, dass er sich auch hätte anders entscheiden können, dass er es der Seele ermöglicht hat dass ihr Vater zu ihr gelangen kann um sie zu retten und dass dadurch auch die Burg gerettet wurde, dass der Wächter nicht gefallen ist und die Herrin der Burg ihr Licht nun in die Welt tragen kann.

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