Der Wanderer
Ein Mensch ging eines Tages vor die Tür seines Hauses und begegnete einem Wanderer. Der Wanderer sprach, begleite mich. Und der Mensch ging mit. Sie liefen eine Weile schweigend, nach dem gemeinsamen Schritt suchend, ein wenig unsicher worüber sie sprechen sollten. Da begann es zu regnen und sie suchten Schutz unter einem Baum. Der Mensch brach Äste und band sie zusammen, der Wanderer legte seinen Mantel darüber und so überstanden sie trocken den Regen. Als sie weitergingen begannen sie über den Regen zu sprechen. Dann über dies und das und dieses und jenes. Über die Ernte, über die Tiere, die Menschen, über das Land durch das sie gingen und über die Sterne unter denen sie lagen. Und sie kamen sich näher. Nicht schnell oder gewollt. Die Zeit führte sie zusammen. Je länger sie gingen umso vertrauter wurde ihr Schritt und ihr Gespräch und umso unwichtiger wurde der Weg. Sie gingen über Land und durch Wälder, überschritten Brücken und Berge und durchwanderten Städte und Länder.
Und der Mensch merkte, wie der Wanderer ihm immer vertrauter wurde. Er sprach freier aus dem Herzen zu ihm und der Wanderer antwortete mit dem gleichen offenen Herzen. Aber aus einer Sicht, die viel weiter ging als die auf sein eigenes Haus begrenzte Sicht des Menschen. Oft gingen die Worte des Wanderers über des Menschen Sicht und er verstand die Worte des Wanderers nicht. Dann wurde er unsicher und ließ den Wanderer voran gehen um über die Worte nachzudenken. Wenn er dann mit einer Frage kam, merkte der Wanderer, dass der Mensch an den Worten seines Herzens wirklich Interesse hatte und begann, ihn zu belehren, wie er die Worte, die größer waren als sein Herz, behalten konnte.
Der Wanderer sprach:
Behalte sie nicht wie die Worte die Menschen sprechen. Sie sind wechselhaft wie der Wind. Betrachte sie wie die Pflanzen in einem Garten: manche wachsen schnell und blühen fast von allein, manche wachsen langsam und brauchen Aufmerksamkeit um zur vollen Entfaltung zu gelangen.
Aber sie alle wurden gepflanzt nach der Idee des Gärtners. Der Gärtner weiß, welche Pflege nötig ist, damit seine Pflanzen wachsen, gedeihen und Frucht bringen.
Betrittst du einmal diesen Garten, wirst du auch Pflanzen sehen, die du noch nie gesehen hast. Der Gärtner brachte sie aus fernen Landen. Entsetze dich nicht ob ihrer Unbekanntheit; betrachte sie lieber mit offenem Herzen, denn dann wirst du feststellen, dass sie dir schnell nicht mehr fremd sein werden.
Und so ist es mit meinen Worten. Betrachte sie recht und mit Ausdauer und du wirst merken, dass du ihnen entgegenwächst. Wie eine Pflanze dem Licht entgegenwächst sobald sie beginnt zu keimen. Sie wird sich stets nach dem Licht ausrichten. So tue auch du. Mache meine Worte zu deinem Licht, lasse dein Herz von ihnen erleuchten und du wirst sehen dass auch dein Herz Frucht bringen wird.
Bewahrst du meine Worten in deinem Herzen, wirst du merken wie sie dir vertrauter werden, wie eine neue Sprache in der du dich täglich in der Gegenwart des Lehrers übst. Dein Lehrer weiß mit jedem Tag besser, wozu du fähig bist und kann seine Lektionen jeden Tag besser an dich anpassen. Denn mit jedem Tag, den du bei Ihm bist, lernt er dich besser kennen. Und genauso gewöhnst du dich daran, mit Ihm Umgang zu haben. Vielleicht erzählt dir ein Nachbar eines Tages dass dein Lehrer ein sehr berühmter Mann ist, und fragt dich, wie du den Mut findest, täglich mit ihm Umgang zu pflegen und dich sogar von ihm unterrichten zu lassen und du wirst den Nachbarn nicht verstehen während du über die letzte Lektion nachsinnst und daran denkst deinem Lehrer eine Freude zu machen indem du Ihn zu dir nach Hause einlädst.
Denn der regelmäßige Umgang mit deinem Lehrer macht noch etwas anderes mit dir, was dir vielleicht weniger bewusst ist: Du beginnst dich nach ihm auszurichten. Das beginnt mit ganz einfachen Angewohnheiten die du jetzt erst erkennst, die du vielleicht nur aus Bequemlichkeit beibehalten hast, von denen du jetzt aber weißt, dass du sie nicht brauchst.
Dieses Erkennen verändert auch deine Sicht auf dich selbst. Indem du immer mehr deinen Lehrer zum Maßstab für dein Tun nimmst, bemerkst du natürlich auch jeden Tag mehr, wo du dich von ihm unterscheidest. Indem du dir Ihn zum Vorbild erwählst, folgst du nicht mehr deinem sondern machst seinen zu deinem Weg. Denn du beginnst zu schauen welche Vorbilder er hat, welchen Leitbildern er folgt und woraus er seine Stärke zieht.
Der Lehrer scheint mit der Zeit größer zu werden, je mehr der Schüler ihm entgegenwächst und seine wahre Größe beginnt wahrzunehmen. Der Austausch, die Gedanken die auftauchen, all das ist wie Regen im bereits angelegten, aber noch sehr ungeordnetem Garten des Schülers.
Aber in dem Maße wie der Lehrer das Bild seines inneren Gartens teilt und in dem Maße, wie der Schüler dieses Bild aufnimmt, so wächst der innere Garten des Schülers.
Zu Beginn sind es Pflanzen von Samen die der Lehrer im Garten des Schülers gesetzt und die sie gemeinsam gepflegt haben, bis sie groß genug waren, von allein zu bestehen und der Schüler gelernt hatte, sie richtig zu pflegen. Sie ähneln noch denen aus dem Garten des Lehrers. Doch nach und nach wachsen durch das Licht des Lehrers und unter seiner Anleitung im Garten des Schülers auch seine eigenen Pflanzen heran und der Schüler pflegt sie gemeinsam mit seinem Lehrer.
Dadurch, dass der Schüler sich am Lehrer ausrichtet und durch den vertrauten Umgang miteinander wird er nicht nur seine Gewohnheiten ändern, er wird auch selbst beginnen nach Wissen zu suchen. Nicht um den Lehrer zu übertreffen oder sich mit ihm zu messen, sondern aus dem Interesse heraus, das durch den täglichen Austausch entstanden ist. Wie ein Lehrling sich immer mehr Bücher anschafft um zu verstehen was der Meister in wenigen Sätzen darlegen kann. Denn der Lehrling, der dem Weg seines Meisters folgt, wird seinen Meister ehren und ist immer bestrebt, den Weg den er geht, so gut es ihm möglich ist, zu beachten und zu ehren. Er erkennt das Bessere und behält das Gute. Und indem er immer nach dem Besseren Ausschau hält, wächst auch das Gute in ihm, da er es immer am Besseren ausrichtet.
Er betrachtet sich durch Augen, die durch die Lehren seines Meisters geschult wurden, gleichsam wie mit neuen Augen. Er lernt sich zu sehen wie der Meister ihn sieht und lernt durch den Meister zu reinigen, was der Reinigung bedarf, zu behalten was des Behaltens wert ist und zu entwickeln was der Förderung bedarf. Und je länger der Schüler im Licht des Meisters steht, umso mehr gewöhnen sich seine Augen an dieses Licht. Darum ist der Mensch auch so verwundert, als ihn sein Nachbar fragt, wie er so ungezwungen Umgang pflegen kann mit einem so großen Namen.
Mit der Zeit, antwortete der Mensch, gewöhnt man sich aneinander.
Und schlussendlich, fügt der Mensch hinzu, sieht er ja, dass ich will.
Eines Tages ging der Mensch und war in Gedanken bei der letzten Übung seines Meisters. Und er gelangte an eine Kreuzung ohne Schilder. Und da er nicht wusste, welchen Weg er weiter gehen sollte, setzte er sich auf einen Stein und überlegte. Und er versuchte sich in Erinnerung zu rufen was er von seinem Meister über den Weg gelernt hatte. Es gibt vier Wege, die der Mensch nacheinander geht, daran dachte er.
Der erste Weg geht in die Unendlichkeit, er ist für einen Menschen der stolz auf seine eigene Stärke ist und nur sich selbst vertraut, nicht zu schaffen. Doch der Mensch geht ihn, im Vertrauen auf seine Stärke und alle Warnungen verlachend, trotzdem.
Es ist der Weg, auf dem der Mensch zu sich selbst findet. Er wird den Weg verlieren, er wird sein Vertrauen in sich selbst verlieren, aber er wird schlussendlich zu sich selbst finden, so paradox das zuerst klingen mag. Der weg selbst ist die Prüfung, denn er führt nicht zu einem Ort auf der Erde, er führt nach Innen und der Mensch der diesen Weg geht, findet die Demut. Oder er findet nichts und steht schnell wieder am Anfang des Weges. Dieser Weg hält Prüfungen parat die zum Anfang so einfach sind, dass er sie leicht besteht ohne viel darüber nachzudenken. Erst mit der Zeit des Fortschreitens werden die Prüfungen anspruchsvoller. Denn je mehr der Mensch den Weg erkennt, umso mehr lernt er natürlich auch auf diesem Weg zu gehen. Der Weg ist Lehrer seiner selbst. Und der Lehrer entscheidet, ob der Schüler bereit ist forzuschreiten oder nicht.
Der zweite Weg geht nur so weit wie der Mensch von der Kreuzung aus schauen kann. Er ist leicht, aber kurz. Der dritte Weg ist voll von guten Vorsätzen und wird beschritten mit Bedacht und Ausdauer und dem festen Vorsatz, nicht zu stolpern und er ist länger als die Lebensdauer des Menschen der ihn geht.
Der vierte Weg führt ebenso in die Unendlichkeit, aber es ist ein Weg, den der Mensch im Bewusstsein der Begleitung geht. Mit Bedacht und Ausdauer wie der dritte Weg, aber gleichzeitig auch mit Demut und Vertrauen auf die Begleitung und dem Wissen, dass Umwege, das stolpern und fallen zum Weg dazu gehören. Es zählt letzendlich nicht, in wieviele Löcher er stolpert oder wie oft er fehlgeht. Es zählt das er immer wieder nach der Richtung ausschau hält, dass er sich der Begleitung erinnert, die sich nicht aufdrängt, aber nie von seiner Seite weicht.
